Anmerkungen zum Stichwort Schamanismus / Neoschamanismus
• Schamanismus / Schamanentum
Das Wort Schamane stammt aus der evenkischen (süd-tungusischen) Sprache in Sibirien (šaman) und bedeutet, "einer der erregt, bewegt, erhoben ist". Andere Erklärungen sind wenig plausibel. Schamanen sind in vielen Kulturen beheimatete Heilkundige, Wahrsager und Priester, meist zentrale Autoritätspersonen, die eine lange Ausbildung hinter sich haben und im Gegensatz zu anderen traditionellen Heilkundigen, früher auch oft Medizinmänner genannt, unter Gesang und der immer eingesetzten Schamanentrommel selbst in Ekstase gehen, um im Kontakt mit dem Jenseits bzw. in einer Himmelsreise Erkenntnisse und Fähigkeiten für die Heilung ihres Patienten oft unter Beteiligung der Gemeinschaft zu gewinnen bzw. mitzubringen. Der Status wird im Rahmen einer Initiation erreicht, die in Phasen verlaufen kann und häufig mit einer sogenannten "Schamanenkrankheit" beginnt, im Rahmen derer es zu einem Berufungserlebnis kommt.
Das Schamanentum wurde ursprünglich als die Religion der zirkumpolaren Völker (insbesondere Sibirien und Inuit-Regionen) beschrieben. Heute werden in der Ethnologie schamanische Elemente weltweit in verschiedenen traditionellen Formen der psychotherapeutischen Behandlung dargestellt. Der „Schamanismus“, ein seit den ersten Beschreibungen immer heiss und oft kontrovers diskutiertes Thema, hat heute eine breite Aufwertung erfahren, Schamanen werden nicht mehr im Kontext psychopathologischer Entwicklungen interpretiert.
• Neoschamanismus
1) Damit werden alle Bestrebungen gemeint, die die sogenannten „schamanischen Elemente“ aus den traditionellen Formen der Heilkunde systematisch in einen neuen Kontext stellen und als neue Psychotherapieform zu vermarkten oder in moderne Medizinsysteme zu integrieren suchen. Dazu gehören auch Versuche moderner Psychotherapeuten, die strukturelle Wahlverwandtschaft zu den "schamanischen Kollegen" hervorzuheben. Diese Entwicklung ist insbesondere durch den Ethnologen Michael HARNER initiiert worden und hat ein umfassendes Netzwerk von Schülern entstehen lassen (Core-Schamanismus, Kernschamanismus). Man kann diese Entwicklung als eine Kollaterale im Zuge der Globalisierung interpretieren.
2) Neben anderen davon zu unterscheidenden Entwicklungen ist insbesondere die Arbeit und das Wirken der Ethnologin Felicitas GOODMAN zu erwähnen, die die Schamanenforschung im Rahmen ihrer Untersuchungen der Glossolallie (Zungenreden) der Pfingstgemeinden durch die Entdeckung der rituellen Körperhaltungen sehr bereicherte und neue therapeutische Trancetechniken für Patienten entwickelt hat, die auf ethnologischen Studien aufbauen.
Der hohe Grad an Selbsterfahrung in den entwickelten Psychotechniken sowohl bei Harner als auch bei Goodman hat wiederum die Möglichkeiten ethnologischer Methodik und den Interpretationshorizont des Themas verfeinert.
3) Das mit dem Ausdruck "Neoschamanismus" belegte kommerzialisierte "New Age" Phänomen der westlichen Post-Moderne ist wesentlich zu unterscheiden von der seit den 1960er Jahren stattfindenden post-kolonialen Wiederbelebung (revival) von schamanischen Traditionen in Nordamerika und Sibirien, die vor dem durch US-amerikanische und kanadische Gesetzgeber sowie durch ekklesiastische Autoritäten, bzw. durch zaristische und sowjetische Staatsgewalt, unterdrückt wurden (Hinweis Wolfgang Jilek).
• Literaturhinweise (Auswahl aus der Fülle) zum Thema Schamanismus:
HAAS Jochen U. 1976. Schamanentum und Psychiatrie. Untersuchungen zum Begriff der 'arktischen Hysterie' und zur psychiatrischen Interpretation des Schamanentums zirkumpolarer Völker. (Bedeutende kritische Dissertation aus ethnologischer Perspektive). Freiburg i. Br.: Albert-Ludwig-Universität.
SCHENK Amelie & RÄTSCH Christian (Hg) 1999. Was ist ein Schamane? Schamanen, Heiler, Medizinleute. Im Spiegel westlichen Denkens. What is a Shaman? Shamans, Healer, and Medicine Men from a Western Point of View. Curare-Sonderband 13. Berlin: VWB – Verlag für Wissenschaft und Bildung www.vwb-verlag.com
WALLIS Robert J. 2003. Shamans / Neoshamans: Ecstasy, alternative archaeologies, and contemporary pagans. London: Routledge.
JILEK Wolfgang G. 2003. Vom dämonischen Scharlatan zum psychisch Gestörten zum fachkundigen Psychotherapeuten zum postmodernen Seelenführer. Westliche Vorstellungen vom Schamanen und deren Hintergrund. Curare 26,1+2 (2003)57-66. Aktuelle Artikel
ELIADE Mircea 1957 (erste deutsche Ausgabe). Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. Zürich, Stuttgart.
MÜLLER Klaus E. 1997 (1ste Aufl). Schamanismus. Heiler, Geister, Rituale. München: CH Beck (TB Wissen).
Die führende Fachzeitschrift zum Thema Schamanismus:
Shaman ab Vol.1,1(1993)- , ed. by Mihály Hoppál u Ádám Molnár (beide Budapest). ISSN 1216-7827 Molnar & Kelemen Oriental Publishers, Szeged, P.O.Box 1195, H-6701, Hungary). http://www.folkscene.hu (Bestandteil der Literatursammlung der AGEM in Heidelberg)
Beiträge zum Thema Schamanismus in der Zeitschrift Curare: siehe pdf und Literaturdokumentation >Transkulturelle Psychiatrie
• Website zum Thema Schamanismus (Auswahl):
Besonders umfassend und informativ zur Literatur ist die Website von Torsten PASSIE: www.schamanismus-information.de mit weiterführenden, vertiefenden Links (Site eingeschränkt zugänglich).
• Websites zum Stichwort Neoschamanismus (Auswahl): Zusammengestellt für ein Studium des Themas aus medizinethnologischer Perspektive
www.fss.at
www.schamanismus-und-heilen.de
www.institut-ethnomed.de
www.schwitzhuetten.de
http://www.svensauter.de
www.schamanisches-netzwerk-europa.eu
www.taraprocess.com
www.wasiwaska.org
http://www.salvia-divinorum.at
• Rituelle Körperhaltungen nach Felicitas Goodman
www.felicitas-goodman-institut.de
www.ekstatische-trance.de
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